BUCHBESPRECHUNG
von Michael Müller, Parlamentarischer Staatssekretär des Umweltbundesministeriums
(2005-2009) im Oktober 2010
Intelligenz ist immer kritisch
Holger Strohm, Tabubrecher, Visionär und Wegbereiter der Anti-Atomdebatte. Ein Pionier der Öko-Bewegung, der weit mehr bewegt hat als die allermeisten Politiker, weil er ein echter Aufklärer ist. Wie nur sehr wenige hat er die Energiepolitik und die Erziehungswissenschaften durchdacht, den Autismus des Falschen durchbrochen und neue Wege aufgezeigt. Er hat viele Impulse gegeben, aber er ist dafür auch bekämpft worden.
1973 wurde sein Erstlingswerk "Friedlich in die Katastrophe – eine Dokumentation über Kernkraftwerke" zur Bibel der Atomkraftbewegung. Sein Plädoyer für das Recht auf Leben und Gesundheit für uns und unsere Nachkommen machte den Autor in der Sicht der Atomkonzerne zum "Staatsfeind". Andere Bestseller folgten – "Die stille Katastrophe", "Natur kaputt" oder "Unmensch Mensch". Ebenso bemerkenswert wie seine ökologischen Arbeiten sind seine Veröffentlichungen zur Bildungspolitik. Strohm war Freund und Berater des schwedischen Regierungschefs Olof Palme und gab dem skandinavischen Schulsystem wichtige Impulse. Aber in unserem Land ist es schwer, seine Erkenntnisse über Gewalt in Schulen bekannt zu machen.
Es lohnt sich, die Texte von Strohm zu lesen, so auch sein neues Buch "Das Wunder des Seins und seine Zerstörung", das 2010 im Münchner Sokrates Verlag erschienen ist. Dieses Plädoyer für kritisches Denken hat drei Teile: Woher kommen wir? Was sind wir? Wohin gehen wir? Es ist der Versuch, der heutigen Debatte ihren brückenlosen Abgrund zu nehmen.
Strohm zeigt letztlich auf, dass hinter dem Nein zur Atomkraft oder zur Genmanipulation keine billige Technikfeindlichkeit und auch keine pure Angst steht, sondern zuerst sind es wohldurchdachte Überlegungen, die tief aus einer Reflexion der Zivilisationsgeschichte kommen und Verantwortung für die Zukunft zeigen. Strohm hat ein kompaktes Wissen, das Zusammenhänge klar macht, die auf den ersten Blick nicht zu sehen sind.
Er zeigt aus der Erdgeschichte heraus auf, warum ein neues Denken notwendig ist und – nicht nur, aber in besonderer Weise – der Umbau der Energieversorgung eine Schlüsselfrage für Demokratie, Frieden und Wohlfahrt ist, aber ein neues Denken verlangt, das die Wirtschaft wieder einordnet in die Prozesse der Natur.
Der erste Teil – Woher kommen wir? – beschreibt die Wunder der Erde, die wir nur bewahren können, wenn der ökologische Imperativ beachtet wird. Strohm entlarvt das Vorurteil, dass die Gegner des ökologischen Imperativs Verweigerer und Nein-Sager sind. Nein, sie sind Bewahrer und Schützer.
Der zweite Teil – Was sind wir? – versucht aufzuzeigen, wo wir heute stehen. Und im dritten – Wohin gehen wir? – beschreibt Strohm die Zuspitzung, die auch Siegfried Lenz bei der Verleihung des Friedenspreises befürchtet hat: "Das Ende des Lebens auf unserem Planeten ist vorstellbar geworden. Die Schöpfung stirbt langsam." Und setzt dem ein sinnvolleres und besseres Leben entgegen.
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